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jürgenk antwortete auf Leben
30 Apr. 2013 14:59
- jürgenk
459 Beiträge seit
25 August 2011
25 August 2011
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Hallo Abifiz
Deine geschilderte Wahrnehmung der Umwelt gefällt mir. Das Gleichsetzen des Kommen und Gehen der Menschen mit den Zellen ist naheliegend, der Bogen zur Krebszelle als von der Masse Irritierte liegt nahe.
Allerdings verbiete ich mir nähere Beschäftigung mit dem Tod.
Das Leben lässt mir keinen Raum, keine Zeit dafür. So jedenfalls rede ich mich mit meiner Weigerung raus und erspare mir die für mich vermutlich zu schwere Kost zu Gunsten des leichten Lebens.
Der letzte Tag kommt ohne meine Hilfe, dafür wird gesorgt. Hoffentlich habe auch ich dann schöne Gedanken an jene Dinge, die mich noch zuvor erfreut haben. Mein „Jonas“ hat nur andere Namen und Gesichter. Die Wirkung der beflügelnden Phantasie bleibt.
So können wir zunächst das Leben und mit Glück den letzten Moment lächelnd verbringen.
Das wünsche ich uns allen.
LG
Jürgen
Deine geschilderte Wahrnehmung der Umwelt gefällt mir. Das Gleichsetzen des Kommen und Gehen der Menschen mit den Zellen ist naheliegend, der Bogen zur Krebszelle als von der Masse Irritierte liegt nahe.
Allerdings verbiete ich mir nähere Beschäftigung mit dem Tod.
Das Leben lässt mir keinen Raum, keine Zeit dafür. So jedenfalls rede ich mich mit meiner Weigerung raus und erspare mir die für mich vermutlich zu schwere Kost zu Gunsten des leichten Lebens.
Der letzte Tag kommt ohne meine Hilfe, dafür wird gesorgt. Hoffentlich habe auch ich dann schöne Gedanken an jene Dinge, die mich noch zuvor erfreut haben. Mein „Jonas“ hat nur andere Namen und Gesichter. Die Wirkung der beflügelnden Phantasie bleibt.
So können wir zunächst das Leben und mit Glück den letzten Moment lächelnd verbringen.
Das wünsche ich uns allen.
LG
Jürgen
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Margret antwortete auf Leben
30 Apr. 2013 09:47
- Margret
0 Beiträge seit
11 September 2026
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Lieber abifiz,
schwere Kost servierst du uns da. Aber leichtverdauliches gibt's ja in den Medien schon zu Genüge...
"Aller Tumult wird sich legen. Ich werde tot sein. Gehen. Schweigen" schreibst du. Ja, das wird so sein. In nicht mal 100 Jahren sind wir und beinahe alle heute lebenden Menschen tot. Sogar die, die keinen Krebs hatten.
Man kann vor dem, was jedem von uns unausweichlich bevorsteht, in Panik verfallen, vor Angst erstarren, verzweifelt dagegen anstrampeln oder das Naheliegende tun: Das Leben an jedem Tag bewusst leben, sich an Kleinigkeiten freuen, nichts Gutes mutwillig versäumen und in dem sich legenden Tumult, im Gehen und Schweigen einen tiefen inneren Frieden finden.
Ich habe den langen Weg meines Mannes bis zur Schwelle des Todes begleitet. Erst in der Rückschau wird mir bewusst, wie sehr die Krankheit ihn (und wohl auch mich) über die Jahre verändert hat. Ich meine nicht die äußeren Veränderungen, sondern eine Form der inneren Reife und Abgeklärtheit. Lebensweisheit im Schnellverfahren. Wir hätten gern darauf verzichtet... Er wurde sanfter, mitfühlender, sensibler auch für das Leid anderer.
Er hätte so gern noch gelebt und es war für uns der größte vorstellbare Schmerz, den Weg nicht gemeinsam weitergehen zu können. Am Ende aber konnte er seinen Frieden mit der Entscheidung des Schicksals machen, sich fügen. Das hat wohl etwas mit Demut zu tun. Demut vor dem Leben und vor dem Tod. Wie gut, wenn man das am Ende von sich sagen kann.
Was tröstet? Vielleicht, dass Jonas lebt. Und der Tod damit nicht das letzte Wort hat.
Danke für deine Gedanken abifiz - und passt alle gut auf euch auf.
Margret
schwere Kost servierst du uns da. Aber leichtverdauliches gibt's ja in den Medien schon zu Genüge...
"Aller Tumult wird sich legen. Ich werde tot sein. Gehen. Schweigen" schreibst du. Ja, das wird so sein. In nicht mal 100 Jahren sind wir und beinahe alle heute lebenden Menschen tot. Sogar die, die keinen Krebs hatten.
Man kann vor dem, was jedem von uns unausweichlich bevorsteht, in Panik verfallen, vor Angst erstarren, verzweifelt dagegen anstrampeln oder das Naheliegende tun: Das Leben an jedem Tag bewusst leben, sich an Kleinigkeiten freuen, nichts Gutes mutwillig versäumen und in dem sich legenden Tumult, im Gehen und Schweigen einen tiefen inneren Frieden finden.
Ich habe den langen Weg meines Mannes bis zur Schwelle des Todes begleitet. Erst in der Rückschau wird mir bewusst, wie sehr die Krankheit ihn (und wohl auch mich) über die Jahre verändert hat. Ich meine nicht die äußeren Veränderungen, sondern eine Form der inneren Reife und Abgeklärtheit. Lebensweisheit im Schnellverfahren. Wir hätten gern darauf verzichtet... Er wurde sanfter, mitfühlender, sensibler auch für das Leid anderer.
Er hätte so gern noch gelebt und es war für uns der größte vorstellbare Schmerz, den Weg nicht gemeinsam weitergehen zu können. Am Ende aber konnte er seinen Frieden mit der Entscheidung des Schicksals machen, sich fügen. Das hat wohl etwas mit Demut zu tun. Demut vor dem Leben und vor dem Tod. Wie gut, wenn man das am Ende von sich sagen kann.
Was tröstet? Vielleicht, dass Jonas lebt. Und der Tod damit nicht das letzte Wort hat.
Danke für deine Gedanken abifiz - und passt alle gut auf euch auf.
Margret
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Leben wurde erstellt von abifiz
30 Apr. 2013 03:10
- abifiz
- Autor
0 Beiträge seit
11 September 2026
11 September 2026
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Hallo miteinander.
Gestern hab' ich wieder einige kleine Kinder gesehen. Darunter Jonas, drei Monate alt. Groß und entwickelt für sein Alter. Ein ziemlich ausgeglichenes, mir sehr sympathisches Kind. Mit einer mir sehr sympathischen, herzlichen und verschmitzten Oma, mit welcher ich mich spontan angefreundet habe, und einer leicht arrogant wirkenden hübschen Mutter. Oder war sie nur versunsichert, im Hintergrund ängstlich? Oder ungeduldig? Ich habe mit ihr nicht direkt zu tun gehabt. Ich weiß auch nicht, wer der Patient war, sie oder Jonas.
Ich war beim Augenarzt.
Ein grauer Star in seinen ersten merklichen Anfängen ist bei mir diagnostiziert worden. Meine Physiologie knarzt hie und da vernehmlich unter ihrem hohen Alter...
Es waren noch fünf weitere Kinder da, von ca. acht Monaten bis ca fünf Jahren. Viele ältere Menschen mit Einschränkungen in der Beweglichkeit. Und eine alles in allem eher tendentiell unheitere Atmosphäre, etwas hintergründig Angespanntes, für mich nicht leicht Fassbares. Ganz anders als die mir vertraute, gelassen anmutende, hämatologische-onkologische Ambulanz. Ich sinnierte die ganze Zeit über die Anwesenden, über die zappligen Kinder, über die beinah verdrossenen Transit-Anmutung jener eigenartigen "Zwischenstation und Paßkontrolle" all der verschiedenen erwachsenen Reisenden.
Auch als ich draußen im Schatten auf meinem Rollator sitzend auf meine mich abholenwollende Krankenschwester wartete, sinnierte es in mir ungezielt weiter. Ich saß im Schatten, um meine atropingeweiteten Pupillen nicht allzu sehr zu blenden. Aber sogar der große Lichtkontrast zu den Räumen der Augenpraxis lenkte mich nicht völlig von meinem langsamen geistigen "Mahlen" ab.
Was dachte "es" in mir?
Etwas über das Leben, das "Lebendige", den Anfang, das Ende, den Transit...
Zuhause angekommen, saß ich im Halbschatten im Wohnzimmer, ab und an kostend an einem Kräuterlikör, mit inneren Bildern des von uns Erdlingen Anfangs und Endes, von unseren Hoffnungen und Erfüllungen und Täuschungen und Enttäuschungen und Schmerzen und Verlusten...
Es war ein bißchen so, als ob in mir zäh etwas über das Leben meditieren würde. Und ich glitt nach und nach unmerklich in Betrachtungen über die entarteten wilden Zellen des Krebses. Es wurde mir mit der Zeit wie unabweisbar der Satz: "Der Krebs ist wie manchmal der Mensch..." Oder "Der Krebs will das Leben sein; ist eine Chiffre für das hitzige, zornige Leben..."
Diese rätselhaften aus Rand und Band geratenen Zellen schienen mir wie Reisende, die dem "grauen" Transit und seinen Regeln "endlich" nicht mehr gewachsen sein wollten und konnten; die zu leben, leben, leben gierten; nie mehr sterben wollten; keine Grenzen, keine Einkerkerungen mehr akzeptierten; in ihrem harten wahnhaften Energiefieber den kleinen zarten tastenden Anfang genau so wüst ablehnten, wie ein Ausfransen in den Zelltod.
Ich freute mich, Jonas kennengelernt zu haben.
Aller Tumult wird sich legen. Ich werde tot sein. Gehen. Schweigen.
Ich stelle mir vor, daß ohne mich der Zug weiterschnaufen wird wollen; die Lok ab und an in die Fremde laut heulpfeifend rufen; und Jonas am Fester sitzend die Landschaft bestaunen wird und weich dabei etwas lächeln...
abifiz
Gestern hab' ich wieder einige kleine Kinder gesehen. Darunter Jonas, drei Monate alt. Groß und entwickelt für sein Alter. Ein ziemlich ausgeglichenes, mir sehr sympathisches Kind. Mit einer mir sehr sympathischen, herzlichen und verschmitzten Oma, mit welcher ich mich spontan angefreundet habe, und einer leicht arrogant wirkenden hübschen Mutter. Oder war sie nur versunsichert, im Hintergrund ängstlich? Oder ungeduldig? Ich habe mit ihr nicht direkt zu tun gehabt. Ich weiß auch nicht, wer der Patient war, sie oder Jonas.
Ich war beim Augenarzt.
Ein grauer Star in seinen ersten merklichen Anfängen ist bei mir diagnostiziert worden. Meine Physiologie knarzt hie und da vernehmlich unter ihrem hohen Alter...
Es waren noch fünf weitere Kinder da, von ca. acht Monaten bis ca fünf Jahren. Viele ältere Menschen mit Einschränkungen in der Beweglichkeit. Und eine alles in allem eher tendentiell unheitere Atmosphäre, etwas hintergründig Angespanntes, für mich nicht leicht Fassbares. Ganz anders als die mir vertraute, gelassen anmutende, hämatologische-onkologische Ambulanz. Ich sinnierte die ganze Zeit über die Anwesenden, über die zappligen Kinder, über die beinah verdrossenen Transit-Anmutung jener eigenartigen "Zwischenstation und Paßkontrolle" all der verschiedenen erwachsenen Reisenden.
Auch als ich draußen im Schatten auf meinem Rollator sitzend auf meine mich abholenwollende Krankenschwester wartete, sinnierte es in mir ungezielt weiter. Ich saß im Schatten, um meine atropingeweiteten Pupillen nicht allzu sehr zu blenden. Aber sogar der große Lichtkontrast zu den Räumen der Augenpraxis lenkte mich nicht völlig von meinem langsamen geistigen "Mahlen" ab.
Was dachte "es" in mir?
Etwas über das Leben, das "Lebendige", den Anfang, das Ende, den Transit...
Zuhause angekommen, saß ich im Halbschatten im Wohnzimmer, ab und an kostend an einem Kräuterlikör, mit inneren Bildern des von uns Erdlingen Anfangs und Endes, von unseren Hoffnungen und Erfüllungen und Täuschungen und Enttäuschungen und Schmerzen und Verlusten...
Es war ein bißchen so, als ob in mir zäh etwas über das Leben meditieren würde. Und ich glitt nach und nach unmerklich in Betrachtungen über die entarteten wilden Zellen des Krebses. Es wurde mir mit der Zeit wie unabweisbar der Satz: "Der Krebs ist wie manchmal der Mensch..." Oder "Der Krebs will das Leben sein; ist eine Chiffre für das hitzige, zornige Leben..."
Diese rätselhaften aus Rand und Band geratenen Zellen schienen mir wie Reisende, die dem "grauen" Transit und seinen Regeln "endlich" nicht mehr gewachsen sein wollten und konnten; die zu leben, leben, leben gierten; nie mehr sterben wollten; keine Grenzen, keine Einkerkerungen mehr akzeptierten; in ihrem harten wahnhaften Energiefieber den kleinen zarten tastenden Anfang genau so wüst ablehnten, wie ein Ausfransen in den Zelltod.
Ich freute mich, Jonas kennengelernt zu haben.
Aller Tumult wird sich legen. Ich werde tot sein. Gehen. Schweigen.
Ich stelle mir vor, daß ohne mich der Zug weiterschnaufen wird wollen; die Lok ab und an in die Fremde laut heulpfeifend rufen; und Jonas am Fester sitzend die Landschaft bestaunen wird und weich dabei etwas lächeln...
abifiz
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